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Eine Reportage über René Walter:„Ich wollte schon immer die beste Website im Netz haben.“

Aktuell scheint die Blog-Welt mal wieder bedroht. So jedenfall der Hall des Getöses. Euroweb, ein Web-Dienstleister, hat René Walter von Nerdcore die Domain nerdcore.de "wegpfänden" lassen. Eine rechtlich legitimierte Aktion. Grund: ein älterer Rechtsstreit, wenn ich das alles richtig verstanden habe. Eine skurrile Situation, die aber mittlerweile für beide Seiten blöd ist.

Wie dem auch sei. Vor einiger Zeit hatte ich für einen Jouralistik-Kurs eine Reportage (bzw. ein reportageartiges Kurzportrait) über René verfasst. Eines das ich schon längst hier veröffentlichen wollte, es aber in seiner Endform nicht mehr finden konnte. Daher: hier die unlektorierte Erstfassung, die ich in den Untiefen eines USB-Sticks ausgrub. Nicht gerade eines meiner besten Werke. Aber ich hoffe an der Stelle dennoch etwas zur objektiven Sicht auf die Dinge beizutragen. Vor allem zum Bild von René, den ich als geselligen Kerl, herzigen Menschen und vor allem loyalen und kämpferischen Typen kennen und schätzen lernte. Vor allem in der Situation, da diese Reportage entstand und wir beide uns trotz Grippe, Triefnasen und fetten Ringen unter den Augen gegenseitig mit sinnvollen Informationen zu versorgen suchten. (An dieser Stelle nochmal: danke, René)


Zombies und Star Wars sind nicht nur René Walters Leben. Sie finanzieren es auch. Der Berliner Blogger ist einer der wenigen, der seine Leidenschaft erfolgreich als Beruf und Berufung lebt...

Es scheint fast, als würde man den Schritt in eine fremde Welt wagen. Überall in der Wohnung in der Willibald-Alexis-Straße in Berlin finden sich kleine Spielzeugroboter. Welche mit chromglänzenden Metallkörpern, welche mit Antennen auf dem Kopf und einige, die dem Blechmann Gort aus Der Tag an dem die Erde stillstand ähneln. Zwischen den Metallkameraden tummeln sich einige Star-Wars-Figuren, Unmengen an Blu-rays und DVDs und auf einem Schreibtisch steht eine Art Äther geige. In Regalen stapeln sich ordentlich sortierte Comics und Graphic Novels. „Hier hinten hab ich Batman“, sagt René Walter, 36 Jahre alt, und deutet auf ein Regal nahe eines Fensters. „Da vorne ist dann vieles mit Zombies... The Walking Dead, DMZ und so’n Kram.“

René Walter ist etwas anders als andere in seinem Alter. In seiner Wohnung lebt er den Traum eines Teenagers: eben Comics, Superhelden, Roboter, Zombies und dem ganzen Tag vor dem Internet rumhängen. „Ich hab's geschafft, geil oder?“, merkt Walter mit einem verschmitzten Lächeln an, während er in gelbem T-Shirt, blauer Jeans und mit leichten Ringen unter den Augen an seinen iMac-Computer schlurft. „Heute fühle ich mich selbst wie so’n Hirntoter. Eine Grippe hab ich mir auch eingefangen“, erklärt er sein Aussehen in die Webcam, über die ich in seine Welt blicke. Mit einer Hand fährt er sich übers Gesicht und stellt mit der anderen ein Beck's-Bier auf den Schreibtisch.

Blut, Wissenschaft, Gedärme, Politik
René Walter ist Blogger. Aber einer, der mit seinem privaten Internetmagazin tatsächlich seinen Lebensunterhalt verdient. „Das Ding zahlt meine Miete. Besser gesagt, die Werbung darauf tut das“, lächelt er in die kleine Kamera und legt seine großen Hände auf Tastatur und Maus. Er beginnt seinen Feed-Reader, einen Nachrichtensortierer, abzugrasen. Denn es will gut gewählt sein, was auf www.nerdcore.de erscheint und damit bis zu 25.000 Leser erreicht, die tagtäglich auf dem Blog landen. „Wer die sind? Keine Ahnung. Aber die meisten sind wohl eher jung. Zwischen 20 und 40 würd' ich schätzen“, meint der Blogger und thront lässig auf seinem Bürostuhl. „Aber das sind wirklich die verschiedensten Leute. Ich bekomm' manchmal Mails von seriösen Journalisten, die irgendwie auf mich gestoßen sind. Scheint also schon gut gemischt zu sein.“
Während Walter mit aufmerksamem Blick durch die eingelaufenen Nachrichten scrollt, nippt er hin und wieder am Bier und wird vom blauen Bildschirmlicht erhellt. „Ich hab etwa 500 Quellen, die ich abgreife. Magazine, Linklisten, andere Blogs. Vieles was da aufläuft, ist stinklangweilig und interessiert mich nicht. Oder ist schon alt. Da muss man den geilen Scheiß rausfischen“, gibt der Blogger mit warmer Stimme zu verstehen. „Ich hab da derweil meinen Rhythmus, meinen Modus gefunden, um das schnell und effektiv hinzukriegen.“
Bereits seit fünf Jahren betreibt Walter sein Weblog, das neben Zombies und Star Wars auch viel Aktuelles rund um Kunst, Religion, Wissenschaft, Kultur und Politik bietet – so lange es nur schräg genug kommt. „Eine Künstlergruppe macht Seife aus Silvio Berlusconis Fett? Find' ich super. Ein Oktopus klaut eine Kamera und macht damit Photos? Fantastisch“, beschreibt er sein täglich Brot und köpft ploppend ein weiteres Beck's.
Während Walter mit ruhigen Lippenbewegungen in die Kamera spricht, die Hand hin und wieder zum Bier greift, veröffentlicht er eine kurze Meldung nach der anderen. Einen Hinweis auf einen Vortrag von Internetstar ZeFrank. Eine Meldung über einen Flugzeugabsturz, ausgelöst durch ein Krokodil. Eine Sammlung zensierter Horror-Comics. Ein Video von einem Typ, der einen Polizist mit einem rosa Dildo attackiert. „Ich kann nicht sagen, warum meine Leser so scharf auf mein Blog sind. Wahrscheinlich aber, weil die Mischung einfach so irre ist. Sonst findet sich im Netz kaum ein Ort, wo soviel unterschiedlicher, verrückter Krams aufeinander prallt“, vermutet der Blogger. Die Hände tippen jetzt rasch auf der Tastatur herum, dann klickt die linke Maustaste und Walter stellt so einen weiteren Beitrag auf www.nerdcore.de bereit. Geht um: Zombies! Natürlich.
Freilich weiß Walter, dass es neben seiner in Weiß und Schwarz gehaltenen Website, R2D2, schlurfenden Untoten und Lichtschwertern auch noch anderes in der Welt gibt. Selbst wenn die fünf Ikea-Regale in seiner Vermutung anderes vermuten lassen, da sie ob der Comics, Filme und Robos schon fast zu bersten scheinen.
In der großzügigen Küche warten hingegen verstaubte Umzugskartons darauf, ausgepackt zu werden – seit seinem Wohnungswechsel vor fast einem Jahr -, gibt René Walter witzelnd zu.
„Es gibt so Tage, klar, da hab ich null Bock auf dieses Nerd-Gedöns. Ich geh dann am Wochenende einfach mal im Park spazieren oder lauf durch die Stadt“, erzählt Walter in die knopfäugige Kamera. „Die ganze Zeit Beiträge über Star Wars, Zombies, Kunst, Games raushauen, da mag man manchmal nicht mehr. Aber ich hab auch eine Verpflichtung gegenüber meinen Lesern, die sind mir wichtig“, sagt der selbsternannte Nerd, der nicht im Traum daran denken mag, sein Blog jemals aufzugeben. „Ich weiß, das viele Nerdcore lieben. Vielleicht sogar mehr als ich. Wenn's mal schwierig werden sollte, werde ich sicher nicht einfach aufgeben.“
Dennoch. Nicht nur wegen der Leser bloggt Walter, der derweil mit einem Burger zum Bier vorm Bildschirm sitzt und jetzt weiter seine Liste an Quellen und potentiellen Beiträgen abarbeitet, per Mausklick Interessantes markiert, um es später nochmal zu begutachten. „Irgendwie betrachte ich Nerdcore auch als ein Gesamtkunstwerk. Die Vermischung der Themen, der Bilder, der Texte. Das hat was von Mashup-Kunst. So denke ich schon, dass da etwas Besonderes entstanden ist“, philosophiert der Blogger mit geselliger Stimmlage. Die eigentliche Intention weiterzumachen, gibt er zu, ist dann doch eine viel profanere aber nicht wenig ambitionierte. „Eigentlich ist es so. Ich wollte schon immer die beste Website im Netz haben“, gibt der Mann aus dem Internet zu. Ein Ziel, das er nach Meinung manches Lesers schon längst erreicht hat.


[PS. Ich bitte um Verständnis bzgl. der moderierten Kommentare. Die Gefühle kochen gerade bei vielen Nerdcore-Fans hoch - gerechtfertigterweise. Darum sehe ich mich gezwungen, die Comments zu checken um (Rechts-)Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen ; ) Denn ich persönlich habe kein Problem mit Euroweb. Ich kenne die garnicht ; ) Danke. ]

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

toll, super Portrait. wer René nicht kennt sollte das hier lesen.

sixoffive hat gesagt…

ich werd richtig neidisch, er lebt MEINEN traum...

Anonym hat gesagt…

Mal die Euroweb-Story außen vor gelassen, echt gut geschriebe und super zu lesen. Ich hab René auf der Republica kennen gelernt ... und du triffst ihn verdammt gut. Great!

Anonym hat gesagt…

René ftw! Genauso hab ich mir immer vorgestellt ... locker auf dem Stuhl, Bier in der Hand und verdammt nerdy. LOL! Einfach richtig super, der Kerl ...

Gib nicht auf René, ich liebe Nerdcore!!! oder Crackajack ... oder wie es auch immer in Zukunft heißen mag.

Anonym hat gesagt…

Sehr schöne Reportage – wobei es wohl eher ein Portrait ist. Aber dafür auch ein sehr gelungenes. Vor alle die bildliche, szenische Darstellung gefällt mir sehr gut – wie aus dem Lehrbuch. Dazu die perfekt sitzenden Zitate. Einzig eine etwas bessere Unterteilung wäre wünschenswert gewesen. Sonst perfekt. Glückwunsch – und ich hoffe alsbald weiteres derartiges zu lesen. Danke.

TreverNoland hat gesagt…

Hab Nerdcore erst vor kurzem entdeckt und etwas gegoogelt. Dabei bin ich hier drauf gestoßen: super interessant und dufte geschrieben.

Rene Walter hat gesagt…

Das bin ich gar nicht auf dem Foto :-).

Finde es erstaunlich, wie bekannt der Rene aus Berlin ist. Die Frage ist, hat diese Geschichte um seine Domain ihm geschadet oder sogar genützt?