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Bauer auf Q4 – Ein erneuter Abstecher nach Twin Peaks

Laura Palmer ist tot. Eingewickelt in eine Plastikplane wird die 17jährige Schönheitskönigin an einem See aufgefunden. Sie wurde ermordet. Ein Verbrechen, das Twin Peaks ins Wanken bringt. Denn die US-Kleinstadt an der Grenze zu Kanada ist ein paradiesisches Idyll zwischen dichten Wäldern, der Abgeschiedenheit der Rocky Mountains und bodenständigen Bewohnern. Doch das von David Lynch und Mark Frost erdachte Konstrukt scheint nur auf den ersten Blick so – und bietet den Grundstock für die wohl beste und avantgardistischste TV-Serie der 90er Jahre.

Eine ganze Woche hat mich mein Arzt krankgeschrieben, nachdem ich mit versagendem Kreislauf und heftiger Migräne zusammengeklappt war. Ich solle mich unbedingt ausruhen, brav meine Medikamente nehmen und mich nicht belasten, sagte er. Das kam überraschend – also, was nun zur Entspannung tun? Ich entschied mich für eine kleine Reise. Eine Reise in das obig erwähnte Scheinidyll. Eine Reise nach Twin Peaks. Schon vor einiger Zeit hatte ich mir die DVD-Box der Serie für wenig Geld zugelegt – aber bisher nie die Zeit gefunden, diese durchzuschauen. Eine Schande, denn mein letzter Trip in die Kleinstadt ist schon lange her. Erstmals gesehen hatte ich Twin Peaks zur deutschen Erstausstrahlung auf RTL Plus – 1992 war das. Meine Mutter schaute die Serie voller Begeisterung, ich selbst noch jung, verstand nicht, worum es dabei ging, war aber vom Titelsong „Falling“ von Julee Cruise, dem Vogel im Intro und der Szenerie recht angetan. Erst viele, viele Jahre später, ich hatte gerade meinen ersten Job als Journalist, kehrte Twin Peaks in mein Leben zurück. Und zwar auf VHS. Ich weiss nicht mehr, woher ich die Kassetten hatte oder wieso ich überhaupt noch einen Videorekorder besaß, aber ich legt das erste Band ein, das mit „Twin Peaks E1S1“ beschriftet war und war sofort gefesselt. Diese Melodie, der Vogel, die Funken-schlagenden Sägeblätter und der Wasserfall, das alles kannte ich noch aus meiner Kindheit – ich erinnerte mich. Aber vor allem schlugen mich nun Story, Charaktere und Atmosphäre in ihren Bann. Genauso, wie heute noch.

Alles beginnt mit eben jener Laura Palmer. Sie ist tot. Von Anfang an. Am Ufer des Sees von Twin Peaks wird sie vom Angelbegeisterten Pete Martell gefunden. Umrandet von einer Plastikplane zeigt die Kamera ihr schönes aber bleiches Gesicht. Die geschlossenen Augen, die blauen Lippen aber kein Blut. Statt wie ein Mordopfer mutet sie eher an, als sei sie friedlich umschlossen von Eis und Schnee eingeschlafen und erfroren: friedlich, ästhetisch und rein. Ein Anblick, der sich einprägt und über die Serie hinweg immer wieder aufgefrischt wird – und den Antrieb bietet, wissen zu wollen, wer hinter dieser grausamen Tat steckt. Denn der Tod von Laura lässt auch einen Schock durch die Kleinstadt gehen. Menschen weinen. Menschen trauern. Die Bewohner sind bestürzt, dass derartiges in ihrer heilen und abgelegenen Welt möglich ist. Und vor allem: dass dies jemand wie Laura widerfahren konnte. Selbst die Polizei von Twin Peaks, vertreten durch Sheriff Harry S. Truman, Deputy Andy Brennan, Hawk und Lucy Moran, ist bestürzt – und überfordert. Es ist herzzerreißend. Als recht schnell ein Serientäter hinter dem Mord vermutet wird, wird Special Agent Dale Cooper als Ermittler des FBI nach Twin Peaks entsandt. Und hier nehmen die Geschehnisse erst wirklich ihren Lauf. Denn bis zu diesem Punkt hätte Twin Peaks auch eine recht durchschnittliche Krimiserie sein können – eine dieser eher belanglosen Crime-Soaps wie Quincy, die zum Ende einer in sich geschlossenen Folge stets wieder den Status Quo herstellen. Doch das ist hier eben nicht der Fall. Stattdessen nimmt mit der Ankunft von Agent Cooper und dem Beginn seiner Ermittlungen ein kontinuierlicher Informationsstrom, der Abspaltung von Plotlinien und Einführung und Ausgestaltung von Charakteren seinen unerwarteten Lauf. Das beste Beispiel ist Cooper selbst, der meiner Meinung nach einer der großartigsten Charaktere darstellt, der jemals für eine TV-Serie erschaffen wurde. Denn ganz anders als seine bekannten Kollegen aus Literatur und Film, ist Cooper kein raubeiniger Cop wie Dick Tracy oder ein logischer Ermittler wie Sherlock Holmes. Stattdessen verlässt sich der in Anzug und Trenchcoat gekleidete Cooper in seinen Ermittlungen auf Gefühle und Träume, er glaubt an Visionen und ermittelt Verdächtige, in denen er mit Steinen nach Flaschen wirft. Er hat eine tiefe Verbundenheit zum Buddhismus und Tibet und beginnt seinen Tag mit einer Meditation oder einem Kopfstand. Während seines gesamten Aufenthalts in Twin Peaks spricht er Notizen zum Fall aber auch furchtbaren Belanglosigkeiten in ein Diktiergerät, die er stets a eine gewisse Diane adressiert. Ist sie seine Sekretärin beim FBI, eine frei erfundene Figur oder das Diktiergerät selbst? Das wird nie erwähnt. Oder anders gesagt: Cooper unorthodox zu nennen, das wäre weit untertrieben.
Diane, 6 Uhr 18 Minuten, Zimmer 315, Great Northern, Hotel hier in Twin Peaks. Ziemlich gut geschlafen. Nichtraucherzimmer, kein Tabakgeruch. Eine nette Aufmerksamkeit für Geschäftsreisende. Ein Anflug von Douglastannennadeln liegt in der Luft. Wie Sheriff Trumann bereits angedeutet hatte, bietet dieses Hotel alles, was es zu bieten verspricht.
[Anmerkung: ich persönlich glaube, dass Diane eine reale Person darstellt – eben seine Assistentin beim FBI. Denn in einer Folge weisst Cooper sie an, ihm Ohrenstöpsel wegen der Isländer zu schicken, die der FBI-Agent als „einer großen Gruppe geisteskranker Menschen“ beschreibt. Eine Folge darauf, merkt Cooper an, dass diese Ohrenstöpsel auch angekommen wären.]

Aber auch abseits seiner Methoden ist Cooper ein skurriler Kerl. Er schwärmt für „verdammt guten Kaffee“; er liebt den schwarzen Bohnensaft geradezu. Etwas, das er auch nur zu gerne kund tut. Und er vergöttert Kirschkuchen. Er mag diese einfachen Dinge, mit denen er „sich jeden Tag ein Geschenk machen“ kann. Darüber hinaus deutet er Wohlgefallen mit kindlich gezückten Daumen an, schweift in Gesprächen abrupt vom Thema ab, streut nutzloses Wissen in Gespräche ein und benutzt zuweilen merkwürdige Formulierungen, die seine Mitmenschen hin und wieder irritieren. Damit ist Agent Cooper ein typischer Lynch-Charakter – und zu Teilen auch David Lynch selbst. Die Liebe für Kaffee – Lynch hat eine eigene Marke –, der Hang zum Spirituellen, all dies und einiges mehr, das sind Dinge, denen der Regisseur selbst nachhängt. Auch ich selbst erkannte und erkenne vieles von mir selbst in ihm wieder; kleine Ticks, Macken und Vorlieben. Etwas, das mir Cooper so nahe brachte.
Harry, ich muss ganz fürchterlich urinieren.
Ob trotz oder gerade wegen dieser Kuriosa seiner Person: schnell lernen die Einwohner von Twin Peaks ihn, und er Twin Peaks und seine Bewohner lieben. Geradezu perfekt passt er sich schon nach den ersten Folgen in die Assemble der Kleinstadt von 51.201 Seelen ein – Lynch selbst hatte die Einwohnerzahl einst auf 5.120 festgelegt, was auch eher zum gesehenen passen würde, doch der Sender ABC wollte mindestens 50.000 Einwohner haben, wieso auch immer. Schließlich sind viele von ihnen selbst ziemlich ab vom Schuss und schrullige Karikaturen dessen, was man als Großstädter in den Käfern abseits der Zivilisation erwartet. Da wäre die Witwe Margaret Lanterman, besser bekannt als die Log Lady, die stets ein Holzscheit bei sich trägt, das mit ihr spricht und Cooper wertvolle Hinweise verrät. Dann Audrey Horne, die Tochter des örtlichen und zeitweise abdrehenden Moguls Ben Horne, die selbst Ermittlungen um Lauras Ableben anstellt und sich in Cooper verliebt. Oder auch Dr. Lawrence Jacoby, der Hawaii-versessene Psychiater des Ortes mit zweifarbiger Brille, der jedoch selbst einen Psychiater gebrauchen könnte. Einzig Sheriff Trumann scheint irgendwie normal. Er wird wird er zunächst zum Vertrauten von Cooper und alsbald zum guten Freund, der seine Methoden für merkwürdig aber durchaus zielführend erachtet. Trumann, eigentlich das exakte Gegenteil des Bundesermittlers, erkennt, das Cooper weiss, was er tut; er begierig ist, den Fall zu lösen und ihn und seine Kollegen respektiert. Tatsächlich sprechen die Ergebnisse des Special Agent für sich. Die ach so perfekte Laura Palmer, so zeigt sich, war anders, als viele dachten. Sie führte ein beängstigendes Doppelleben. Drogen, Sex, Prostitution und Intrigen bestimmten ihr Leben. Oder anders gesagt: das brave Mädel hatte es faustdick hinter den Ohren! Der geniale Zug von Lynch und Frost: zu keiner Zeit bekommt der Zuschauer eine wirklich lebendige Laura zu sehen. Nur durch die Menschen, die sie kannten, lernt man sie kennen. Durch Gespräche ihrer Freunde, Beteuerungen ihrer Eltern gegenüber den Ermittlern, wagen Infos von Bekannten und Auszügen aus ihrem Tagebuch. Alles samt Anfangs so widersprüchlich, das sich erst langsam ein Umriss und letztlich immer konkreter eine komplette Person hinter dem Namen und Gesicht der Laura Palmer zeigt. Wie beiläufig tun sich hiermit auch immer mehr Randgeschichten auf, die direkt oder indirekt über Lauras Tod oder deren Bekannte – was in dem kleinen Nest eigentlich alle sind – verbunden sind. Beispielsweise die Verschwörung, die sich um das Sägewerk der Packard-Familie spinnt. Oder die Verbindungen so einiger Twin-Peaks-Bewohner zum One Eyed Jacks, ein Casino samt Bordell, das direkt hinter der Grenze in Kanada gelegen ist. Aber auch die tragische Geschichte der hübschen Shelly, die von ihrem Ekel-Ehemann, dem Trucker Jeo Johnson, geschlagen wird und sich dafür rächen will. All diese kleinen und großen Geschichten werden mit einer verrückten Mischung aus bitterer Ernsthaftigkeit und ironisch-übersteigerter Soap-Opera-Komik erzählt, die stellenweise ins vollkommen bizarre abdriftet und somit noch eindringlicher wirkt. Etwa, wenn Lauras todtrauriger Vater weinend und schreiend auf den Sarg seiner Tochter fällt, der hirngeschädigte Leo mit dem verrückten Ex-FBI-Agenten Windom Earle in einem Pferdekostüm einem Opfer auflauert oder der durchgedrehte Ben Horne in seinem Büro mit vollster Überzeugung dem Bürgerkrieg nachspielt. Allerdings wird diese charmante Schrulligkeit der Kleinstädter sofort auch wieder negiert und klargestellt, dass auch der Rest der Welt vollkommen skurril ist. Unter anderem durch Lynch selbst, der zeitweise als FBI-Agent Gordon Cole auftritt. Schwerhörig, wie Cole ist, trägt er ein riesiges Hörgerät, redet in unüberhörbarer Lautstärke und versteht vieles Falsch, was ihm gesagt wird und antwortet in entsprechend verwirrender Weise. Alleinig die schöne Shelly versteht glasklar, der er vor seiner Abreise einen Kuss abringt.
Ich nehme massenhaft Kirschkuchen. Massenhaft. Und geben sie mir bitte ein Glas Wasser, ich glaube, meine Socken haben Feuer gefangen.
Allerdings wirkt Cole nicht nur wie ein scherzhafter Auftritts Lynchs, sondern auch eine Art Symbol und Gegenthese zu den Bewohnern von Twin Peaks. Denn im Gegensatz zu diesen kann Cole, selbst wenn er möchte, dank seiner Schreierei kein Geheimnis bewahren, versteht aber auch selbst nie vollkommen, was um ihn herum passiert. Noch getoppt wird Lynchs Cameo-Auftritt jedoch schon in fast prophetischer Art und Weise von David Duchovny, genau jenem der später als Darsteller von Agent Fox Mulder aus Akte X bekannt wird. Auch in Twin Peaks verkörpert Duchovny einen FBI-Agenten. Nämlich Dennis Bryson, oder besser: Denise. Denn nach einer Undercover-Ermittlung hat der Verbrechensbekämpfer, der Vorwürfe gegen Cooper untersuchen soll, begonnen, Frauenkleider zu tragen und verkörpert damit perfekt, die zwiespältige Welt der Serie. Denn, wenn nötig, zwängt sich Bryson durchaus in einen perfekt sitzenden Anzug und lässt die langen Haare fallen. Oder wie er seinem Kumpel Cooper sagt: „Ich weiß noch immer, mit welchem Bein man zuerst in die Hose steigt !
Über all diesen menschlichen, irdischen Absurditäten und Boshaftigkeiten schwingt, wie nicht anders von Lynch zu erwarten, jedoch auch etwas überirdisches, das mit dem Fortlauf der Serie stetig an Kraft und Präsenz gewinnt. Denn auch wenn ein Mensch Laura Palmer tötete, war es kein Mensch, der dafür verantwortlich zu machen ist – etwas, das Cole als „Blaue Rose“-Fälle bezeichnet. Also Geschehnisse, die als übernatürlich und paranormal gelten. Spätestens als dieses fest stand, hatte ich mich vollkommen in diese Serie verliebt – und das Genre der Mystery-Serie war geboren. Immer wieder fangen Cooper Visionen ein. In seinen Träumen sieht er sich in einem roten Raum. Bei ihm: ein Zwerg, der ihn verhöhnt und wirre Tänze vollführt. Die tote Laura flüstert Cooper Dinge ins Ohr. Ein Riese taucht vor Cooper Augen auf, gibt ihm unverständliche Hinweise. Diese metaphysische Ebene, die über all dem Grundgeschehen hängt, macht Twin Peaks für viele erst so reizvoll – für andere hingegen unverständlich. Denn Lynch vermengt hier einiges und fordert viel Nachdenken und Aufmerksamkeit ab. Da wird die Mythologie der amerikanischen Ureinwohner rezipiert und abstrahiert, mit tibetanischen Legenden und der Bhagavad Gita vermengt, eine eigene Dialektik konstruiert und mit der schwarzen und weißen Hütte ein duales Verhältnis von übergeordneten und extradimensionalen Kräften und sphärischen Räumen samt ihrer visuellen Repräsentanz in der unsrigen Welt konstruiert. Meisterlich aber auch verdammt komplex und ziemlich verwirrend. Denn es bleibt nicht nur beim Lynch'schen Mythologie-Konstrukt. Stattdessen wird dies noch an populärkulturelle Verschwörungstheorien gekoppelt, das in Twin Peaks Gestalt in Form von Major Garland Briggs findet, der wie auch der Wahnsinnige Windom Earle Teil von Project Blue Book war. Dieses tatsächliche Projekt sollte in den 70ern das UFO-Phänomen untersuchen. In Twin Peaks hingegen, soll es offensichtlich allgemein paranormale Aktivitäten und Mächte auf unserer Erde ausfindig machen und untersuchen. Kräfte wie eben die schwarze und weiße Hütte, die sich in den Wäldern um Twin Peaks befinden, und es erlauben würden, die Welt komplett neu zu ordnen. Ein harter Kontrast wird hier aufgetan: das pittoreske Kleinstadtidyll und das große Böse, das die Welt aus diesem Holzfällernest heraus die gesamte Menschheit bedroht – das alltägliche Triviale und die gigantische Katastrophe. Dabei ist nicht vollkommen klar, ob alldem wirklich so ist; ob dieser gesamten Idee eine Logik und Realität innewohnt. Oder ob sich im Twin-Peaks-Mythos vielleicht gar ein Nominalismus und Paradox verbirgt. Also Cooper oder auch der Zuschauer die gesamte metaphysische Sphäre wirklich erlebt, oder er sie nicht erst durch sein Nachdenken, sein Nachforschen erfindet. Ergibt sich das Problem also erst durch das Lösen des Problems? Eine verzwickte Frage. Aber vielleicht ist es auch etwas zu viel des Hineininterpretierens. Schließlich hatte Lynch stets erklärt, man solle ihn nicht nach dem Sinn seiner Werke fragen, denn manchmal mache er Dinge einfach so, weil er es gut fände, nicht weil er sich etwas dabei denke. Er vertraue auf sein Gefühl.
Wenn du etwas machst, weisst du nicht, was passiert, wenn du es in die Welt entlässt […] du trittst zurück und kannst nicht … da ist keine … du kannst es nicht kontrollieren oder steuern. Da geht etwas anderes vor.
Und das ist wohl auch wirklich gut so. Twin Peaks würde wohl nicht einen solchen Reiz ausüben, wenn Lynch und Forst freiheraus sagen würden, was sie mit dieser Serie ausdrücken wollten. Oder wenn sie zugeben würden, dass das alles lediglich ein wilder Mix von bescheuerten Ideen war und sie sich nichts dabei gedacht haben. Denn es ist genau der Reiz des Geheimnisses, des Ungewissen, des unerklärlichem Surrealen der Twin Peaks so verlockend macht. Es ist wirklich erstaunlich, wie Lynch und Frost als erste das Medium Serie nutzen, um wirklich etwas über die Möglichkeiten eines 2-Stundenfilms hinaus zu erschaffen – etwas, das eine mehrteilige, feingliedriger Geschichte einer ganzen Stadt und nicht nur eines Charakters erzählt. Ideen und Geschehnisse eindringlich und ausführlich zu schildern und dem Zuschauer nahe zu bringen. Klar, Twin Peaks wirkt heute verglichen mit modernen Serien wie Lost, Breaking Bad, Fringe und Game of Thrones alles andere als modern. Die Serie ist nicht sonderlich gut gealtert: das gekünstelte Over-Acting, die zeitweise merkwürdigen Schnitte und befremdlichen Stilmittel. Doch ist es vollkommen unzweifelhaft, dass mit dem Start von Twin Peaks eine neue Ära des Fernsehens begann. Nicht nur strukturell bedienten sich andere Serienmacher an Twin Peaks, griffen die Grundidee eines sich über Episoden entwickelnden Geschehens auf. Nein, Twin Peaks war wie ein Buffet, an dem sich jeder etwas abgriff. Aus dem FBI-Agent Cooper wurden Fox Mulder und Dana Scully bei Akte X. Aus den „Blaue Rose“-Fällen die X-Akten. Lars von Triers Serie Geister wirkt wie eine Hommage an Lynch. Lost und Fringe greifen vielfach auf den mysteriösen Grundton von Twin Peaks zurück; streuen gar Referenzen an den Serienurvater ein. 24 griff sich die Idee, das eine Episode einen Tag entspricht ab und perfektionierte sie. Und auch die Videospielbranche wurde nachhaltig von Lynchs und Frosts Werk geprägt: die Macher von Alan Wake geben offen zu, vieles abgeschaut zu haben. Das verquere Deadly Premonition ist ein einziger Twin-Peaks-Referenzen- und Zitate-Marathon und auch in der Horror-Reihe Silent Hill finden sich vielfach Hinweise, dass auch japanische Entwickler von der US-Serie inspiriert wurden. Selbst die The-Legend-of-Zelda-Reihe hätte ohne Twin Peaks anders ausschauen können.

Oder, um das hier mal alles zum Abschluss zu bringen: Schaut euch Twin Peaks an, wenn ihr's nicht kennt, es lohnt sich. Nicht zuletzt da man auch heute noch gut einsteigen kann. Twin Peaks zieht selbst in den 2010er-Jahren noch eine aktive Community hinter sich her, die sich rege austauscht, Memes fabriziert und tonnenweise cooles Merchandise produziert. Und durch die in regelmäßigen Abständen aufkeimenden Gerüchte um eine neue Twin-Peaks-Serie, angekündigte Serien im Twin-Peaks-Style oder neue Projekte von Lynch und Frost wird diese Community auch noch lange bestehen. Aber auch, da Twin Peaks im Geiste seiner Zeit wohl immer noch voraus ist und weiterhin Serien-, Spiele-, Filme-, Medienmacher und Künstler von dem über 20 Jahre alten Geniestreich zehren. Aber der beste Beweis für die Genialität und Zeitlosigkeit von Twin Peaks ist wohl, dass immer noch unzählige Menschen von diesem irren Mix aus Krimi, Humor, Mysterien und surrealem Horror in den Bann geschlagen werden und Typen wie ich, dies immer wieder und wieder und wieder genießen können.

4 Kommentare:

Josh hat gesagt…

Hab's jetzt nicht bis zum Ende gelesen aber jetzt hab ich wirklich Lust mal wieder Twin Peaks zu schauen. Muß nur schauen dass ich jetzt die Serienbox irgendwo herkriege.

Anonym hat gesagt…

Was? Dieser Transvestit war wirklich Fox Mulder? Ich kann das gar nicht glauben ... Das ist wahnsinnig verrückt wie Twin Peaks das Leben für viele Schauspieler und Serienmacher bereitet hat.

Romy hat gesagt…

Meine Güte was für ein Monstertext, wer soll das denn lesen?! Soweit ich kam ist's aber fantastisch und echt sinnig.

Gerade läuft Twin Peaks wieder auf arte wenn du's nicht weißt.

Anonym hat gesagt…

Alter! Geht das vielleicht auch was einfacher??!?! HAB KEIN WORT VERSTANDEN!