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Elysium und der Mangel von Tiefe

Ich möchte nicht sagen, dass ich enttäuscht war. Das träfe einfach nicht das Gefühl, das mich einnahm, als ich Neill Blomkamps Elysium über die Leinwand flimmern sah. Vielmehr war es eine bizarre Mischung aus enttäuschter Erwartung und dem offensichtlichen Fakt, dass ich dennoch unterhalten wurde. Denn was hatte ich nicht alles von Elysium erwartet: eine Science-Fiction-Ballade rund um den Klassenkampf, die Separation von Arm und Reich, Rebellentum, die Macht der Technologie und ihre gleichzeitig Verletzbarkeit.

Als ich 2009 District 9 im Kino sah, da war ich einfach fasziniert. Lange hatte ich keinen so mutigen Sience-Fiction-Streifen mehr gesehen. Ein Film, der auf leichthändige Weise Realität und Fiktion vermengt, dabei reale Probleme unserer Gesellschaft thematisiert, gar scheinbar Kafkas Die Verwandlung rezitiert und mehrheitlich frische und unbekannte Gesichter präsentiert. Und all das gleichzeitig in eine wahnsinnig großartige Ästhetik verpackt, die irgendwo zwischen Dokumentations-Chic, Michael-Bay-Hollywood-Optik und Amateur-Schüttelkamera angelegt ist. In District 9 wurden Bilder gezeigt, die es so noch nicht gab; die Apartheid in eine abstrakte aber verständliche Parabel verwandelt und nüchtern-coole Action präsentiert. Plötzlich hatte ich mit Neill Blomkamp für mich einen weiteren Hoffnungsträger der Filmwelt gefunden. Einen, der sich gut zwischen JJ Abrams, Duncan Jones und Gareth Edwards einfügt.

Nun: Elysium. Neill Blomkamps zweiter großer Film. Ein Big-Budget-Streifen. Angesiedelt im Jahre 2154 ist die Erde durch die Zerstörung der Umwelt, Kriminalität und Krankheit ein einziges Slum. Hier lebt Max Da Costa (Matt Damon), ein Ex-Knacki, der sich mit der Arbeit in einer Androiden-Fabrik über Wasser hält. Im Gegensatz zu ihm und den Rest des Prekariats residiert der Großteil der reichen Oberschicht mittlerweile abgeschottet und hoch gesichert auf Elysium – einer Raumstation angelehnt an das Konzept des Stanford Torus. Hier gibt’s alles: saubere Luft, fruchtbare Erde und vor allem Gesundheit und hochentwickelte Heilkammern, die jede Krankheit mittels Zellerneuerung in wenigen Sekunden ausmerzen. Es kommt, wie's kommen muss: bei Max Arbeit geschieht ein Unfall. Er wird verstrahlt und soll daraufhin in knapp fünf Tagen den Tod finden. Gefeuert wird er obendrein. Nur mit Medikamenten kann er sich bis dahin beschwerden- und schmerzfrei halten. Seine einzige Hoffnung sind die Heilkammern auf Elysium... Das alles ist ein grundsätzlich interessantes Szenario mit großem Potential. Doch leider zersplittert die Story schnell in abgegriffene und klischeehafte Facetten, die Blomkamp nicht mit Interesse zu laden weiss: so gibt’s natürlich Max' große Liebe, seinen besten Freund, ein todkrankes Mädchen, die fiese Herrin Elysiums – Miss Delacourt (Jodie Foster) – und ihren übermächtigen Handlanger Kruger, der den Kampf gegen Max alsbald ziemlich persönlich nimmt. Das wirkt ermüdend, da schon 100te Male gesehen und schlicht vorhersehbar; keine der Figuren wandelt sich, wächst über sich hinaus oder ändert ihre Gesinnung. Es ist nach der ersten halbe Stunde des 90-Minüters klar, wer überlebt und wer stirbt, wohin die Konfrontation führt und welchen Ausgang sie nehmen wird. Die Dialoge sind ein schlechter Abklatsch dessen, was District 9 bot: comichaft und eher auf Niveau deutscher Fernsehfilme als dessen, was man von modernem Hollywood-Kino erwartet. Das Können von Schauspielern wie Matt Damon und Jodie Foster hat Neill Blomkamp hier leider nicht einmal im Ansatz ausgekostet, auch wenn sie optisch durchaus brillieren. Schon Foster als Delacourt verkörpert durchaus die ruch- und gewissenlose Politdiktatorin, die ihren Lebensstil und die Unantastbarkeit ihres Einflussbereiches gewahrt sehen will. Und Damon zeigt, dass er durchaus auch als brutaler Actionheld durchgehen kann – doch wäre für ihn in diesem Fall noch viel, viel mehr möglich gewesen.

Das Traurigste jedoch, ist, dass in Elysium das zentrale Thema im Grunde kaum bearbeitet wird: Armut, Reichtum und wie weit sich beide auch räumlich immer weiter voneinander distanzieren. Elysium scheint die logische Weiterentwicklung dessen, was in Brasilien und den USA mit den Gated Communities und zugangsbeschränkten Hochhauskomplexen ihren Anfang nimmt. Doch großartig weitergeführt wird dieser Gedankengang nicht, sondern dient alleinig der dystopischen Szenerie. Ebenso wie die Technik und ihre Fragilität: denn die Raumstation Elysium ist nur so gut geschützt, wie ihr Zugangssystem und das Einwohnerregister. Oder die Gesundheitsfürsorge: eigentlich mit das originäre Kausalelement des gesamten Film, wird es zur Begründung für all die Action degradiert. Hier hatte ich wahrlich mehr von Neill Blomkamp erwartet. Doch abseits dessen, liefert der Südafrikaner alles andere, was seine Art des Filmschaffens ausmacht. Elysium ist ein optischer Edelstein. Die Kulissen der Erde sind dreckig, staubig und liefern überall kleine Details; Hightech und die absolute Primitivität schrammen hier hart aneinander. Grandios. Schon wie Matt Damon von einigen verschwitzen, tätowierten und rauchenden Typen das Exoskelett in und an den Körper geschraubt wird, derart archaisch und brutal ist das schon jetzt eine der bemerkenswertesten Filmszenen dieses Jahres. Die Weltallkolonie hingegen strahlt geradezu in ihrer Sterilität und vermittelt tatsächlich ein Gefühl der Reinheit. Vom Anblick des sich drehenden Torus mit seiner Kunstatmosphäre ganz zu schweigen. Ansonsten ist der Film geprägt von Linsenreflektionen, detailliert gerenderten Robos und explodierenden Körpern. Die Action ist super inszeniert, die Szenen fließen nur so dahin und es macht durchaus Spaß, sich all die optische Brillianz anzuschauen. Schon daher war der Streifen dennoch irgendwie unterhaltsam - aber am Ende eben auch unbefriedigend.

Erst kürzlich las ich ein Interview mit Neill Blomkamp. Darin sagte er, mit Elysium habe er einen ganz großen Film erschaffen wollen – und was raus kam, sei das, was er wollte. Und, dass er nach Elysium wieder ein kleineres Projekt realisieren wolle um sich anschließend vielleicht zurückzuziehen. Schade nur, wenn das wirklich so kommt und Elysium nur eine Art Mainstream-Ausrutscher ob des plötzlich so großen Budgets und der nahezu grenzenlosen Freiheiten war. Denn das ist's, was ich glaube, das hinter der mangelnden Tiefe steckt. District 9 war eine Art großer Indie-Film. Elysium hingegen ein Hollywood-Streifen, der einer gewissen Masse gefallen muss und Restriktionen unterliegt. Konnte Neill Blomkamp nicht genau das tun, was er wollte? Arbeitete er quasi mit einer Schere im Kopf? Durchaus möglich. Daher hoffe ich, dass er nun wieder etwas kleinere und eigensinnigere Zelluloidrollen bespielt.